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Aktuelles
Nach dem Attentat auf Benazir Bhutto schreibt Dr. Ruth Pfau:
13.1.2008
Lieber Jörg,
ich meine, ich müsste meine Meinung mal zusammenhängend äussern, das stimmt schon - trotzdem weiss ich nicht, wie. Sie ändert sich auch ständig.
Wie immer: ich mache keine Statements. Ich kann aber ein paar Erfahrungen mit Euch teilen.
Wie ich mich durch’s Land bewege?
Normal. Das Team in Peshower hatte mich gebeten, ihnen zu helfen - sie kämen nicht weiter. Einer unserer Lepra-Assistenten ist verhaftet - Grund: Sippenhaft. Einer der wichtigen "Commanders" ist sein Cousin - sehr weitläufig, aber hier zählt ja jede Verwandtschaft.
Wir haben es klären können.Trotzdem: Die Verhöre müssen ablaufen, wir dachten am Ende alle (einschliesslich Abdul Wahid), dass wir das nicht unterbrechen sollten, es könnte ihm zu jeder Zeit später schaden. Wir haben Haftbedingungen verbessern können: Täglicher "Ausgang", die Familie kann ihn besuchen, er hat seine Mobiltelephone - und wir haben Wasser in die Polizeistation bringen können, einen grossen Wassertank auf dem Dach, der alle versorgt: Die Untersuchungsgefangenen, die Wärter, die Polizisten vom Dienst, den Offizier.
Und dann haben wir auch noch Waschräume und Toiletten eingebaut - gab es alles, aber je 2 für 50 Polizisten und 15 Untersuchungesgefangene. Wir haben viel miteinander gelacht.
"Ich werde in nächster Zukunft einen weiteren Ihrer Lepraassistenten verhaften," sagte der verantwortliche Offizier, "aber in einer anderen Polizeistation, dann kommen Sie und werden dafür sorgen, dass wir alle Wasser und sanitäre Anlagen bekommen!"
Auf dem Weg nach Swat (Mingora, Koza Banda, Matta sind ja jetzt in den Medien) mussten wir einen Umweg fahren - in Mardan war der Mob auf der Strasse. Wir dachten natürlich, es habe etwas mit den jetzigen Unruhen zu tun - später erfuhren wir, es waren Demonstrationen wegen der unregelmässigen Gas-Versorgung. Es ist kalt, und die meisten leisten sich ein Gas-Öfchen - .
Schlimmer, viel schlimmer war noch der Nebel auf unserer neuen Autobahn (56 km lang) - man hatte buchstäblich keine 20 cm Sicht -.
Zurück in Karachi: am Tage nach Benazir’s Attentat sind wir alle nach Möglichkeit nicht aus dem Haus gegangen - drei Tage hat das im Krankenhaus lebende Personal Dauerdienst geschoben. Danach hatte "man" sich abreagiert.
Seither ist Sophie, unsere deutsche Medizinstudentin, wieder mit dem öffentlichen Bus unterwegs, allein. Während des Moharram trägt sie die moderne heutige Burka (Burkas sind jetzt "Mode").
"Act normal" - benimm dich, als ob alles normal sei - das ist seit Jahrzehnten unsere Devise, denn es ist eigentlich nie wirklich ruhig gewesen in Pakistan, nicht seit 1965.
Was wird mit Pakistan passieren?
Wenn ich oder irgendjemand anders das wüsste - !
Was wir denken?
Wir denken möglichst wenig. Es wird geheiratet, Kinder gekriegt und gestorben wie üblich - zusätzlich zu denen, die durch Suizidbomber sterben, immer wieder - .
Natürlich muss man sich dem einmal stellen. Wir tun es auch, im Ausbildungsinstitut z.B. Wir haben Islamiat auf dem Lehrplan. Der Mitarbeiter, der es gibt, ist Schiite (das kann man in Deutschland gar nicht richtig einschätzen, was das heisst: wenn ein Schiite einer Gruppe Sunnitten Religionsunterrricht gibt!), ein hochgebildeter und sehr vernünftiger Mensch, er ist vorher 25 Jahre für das Programm im Karakorum verantwortlich gewesen, wir haben Nächte zusammen diskutiert, unter dem Sternhimmel im Hindukusch.
Gelebte Toleranz : im Krankenhaus arbeiten Schiiten, Sunnitten, Christen, Hindus zusammen - und ebenso auch im Aussendienst. "Khuda ka banda, oder Khuda ki bandi " - wenn uns jemand aggressiv nach unserer "Zugehörigkeit" ausfragt: Wer bist du!?, dann ist die Antwort: "...von Gott erschaffen, wie sonst?"
Und in der Hingabe an den Ärmeren, Kranken, Hilfsbedürftigen ist genügend Gelegenheit im Tagesablauf, die Kostbarkeit jedes, jedes Menschen nicht nur zu reflektieren, sondern auch zu leben.
Und zu hoffen, dass sie das gegen die menschenfeindlichen Tendenzen immunisiert.
Wie shwierig ist es derzeit, Hilfe zu leisten?
Nicht mehr oder weniger als immer. Im Moment verschieben wir "öffentliche Veranstaltungen" bis nach den Wahlen (an die viele auch nicht mehr glauben - das Land wird’s überleben).
Kennen sich die Pakistanis überhaupt selber noch aus?
Haben wir das jemals getan? Seit dem Afghanistan Krieg ist es zunehmend schwierig geworden. Wir in unserer geopolitischen Lage können doch sowieso nicht selber entscheiden, in den meisten Fällen.
Quo vadis, Pakistan?
Das wissen wir alle nicht. Trotzdem: Pakistan hat gutes Potential, zur Vernunft zu kommen. Wir hofffen nur, dass sich die USA nicht einmischen.
Wird das Land einknicken in der eher prowestlichen Einstellung?
Wenn die USA sich raushält, hoffnungsvoll: nein. Sie haben uns mit ihren Angriff auf Afghanistan unheimlich geschadet.
Ist das Leben gefährlicher als zuvor? Vielleicht hin und wieder momentan, im allgemeinen aber nicht. Wie gesagt: wir leben unseren Alltag wie immer, in Karachi und ausserhalb Karachis. Gefährlich ist es immer gewesen.
Geschichten zum Mutmachen:
Das Personal direkt nach Benazir’s Attentat, als ganz Pakistan 2 Tage Generalstreit einhielt: Die das Krankenhaus erreichen konnten (viele unter Gefahr, 3, 6 Stunden zu Fuss), blieben da: einen, zwei, bis in den dritten Tag hinein, ohne Unterbrechung.
Oder "die Basis" - heute nacht haben wir einen chirurgischen Fall verlegen müssen, der eine akute Bauchgeschichte entwickelt hatte - ganz selbstverständlich ging ein zweiter Patient von Station mit, "damit er sich nicht so einsam fühlt".
Ein junges Mädchen, das im Panjab den Eltern weggelaufen war, um einer erzwungenen Heirat zu entgehen, haben wir bei uns in unserer Dienstwohnung aufgenommen und im Ausbildungsinstitut beschäftigt - ein reichlich riskantes Unternehmen, aber keiner vom Management im Krankenhaus hat uns davon abgehalten - .
Täglich geschieht irgend etwas Schönes, wenn man sich nur die Aufmerksamkeit erhält.
Woher die Kraft zum Weitermachen kommt?
Weitermachen ist unsinning. Aufhören ist noch unsinniger.
Also machen wir weiter.
Wie immer.
Soweit für heute.
Seid herzlich gegrüsst! Deine Eure Ruth.
02/01/2008 14.34.52
Pakistan: Pfau, "erstmals Hoffnungslosigkeit"
Angesichts der gewaltsamen Ausschreitungen nach dem Mord an Benazir Bhutto sind in Pakistan die Parlamentswahlen verschoben worden. Ursprünglich sollten die Parlamentswahlen am Dienstag kommender Woche stattfinden. Bei landesweiten Unruhen wurden in den vergangenen Tagen in Pakistan etwa 60 Menschen getötet.
Die Ordensschwester Ruth Pfau ist in Pakistan als Lepraärztin tätig. Sie befürchtet, dass sich die Lage noch weiter verschlimmert.
„Wenn man sieht, was sich in den letzten Tagen abgespielt hat, so bin ich zum ersten Mal in meinem Leben tief beunruhigt. Ich bin bereits seit 45 Jahren in Pakistan. Aber wir hatten noch nie eine solche Krise auf nationaler Ebene erlebt. Mich beunruhigt, dass wir eine Stufe erreicht haben, auf der die Menschen ihre Hoffnung verlieren. Bisher war so, dass man trotz allem zuversichtlich war. So mussten wir aus Sicherheitsgründen an diesem Mittwoch die Mitternachtsmesse absagen. Doch die Gewalt ist nicht gezielt gegen die Kirche gerichtet. Im Moment ist es vielmehr ein ´jeder-gegen-jeden´.“
Seit dem Tag der Ermordung der Oppositionspolitikerin Bhutto befindet sich Pakistan im Ausnahmezustand. Doch die Gründe für Plünderungen, Gewalt und Proteste liegen tiefer, sagt Schwester Ruth Pfau.
„Offensichtlich ist es zum ersten Mal so, dass sich die Armen gegen die Reichen auflehnen. Irgendwie habe ich das Gefühl, gerade als Ausländerin, dass wir nun die Früchte sehen, was wir hier seit Jahrzehnten im Bereich der Entwicklungshilfe machen. Im Grunde hat sich das Land nicht entwickelt. Das ist von meiner Seite ein noch nicht durchdachtes Problemfeld. Dennoch kann ich sagen, dass die Entwicklungshilfe sehr wichtig ist.“
RADIO VATIKAN (rv/afp 02.01.2008 mg)
04/07/2007 14.35.49
Pakistan: Sr. Ruth Pfau, "Lokales Problem"
Nach Ablauf des Ultimatums haben sich an diesem Morgen mehrere radikale Koran-Schülerinnen und Schüler ergeben und die Waffen niedergelegt. Der Konflikt mit der pakistanischen Regierung hatte am vergangenen Donnerstag in Islamabad mindestens 16 Menschen das Leben gekostet, 150 wurden verletzt. Nach dem Vorbild der Taliban wollten die Schülerinnen und Schüler Pakistan in einen streng islamischen Staat transformieren. Tausende Schüler zweier Koran-Schulen hielten mit dieser Forderung die Rote Moschee besetzt. Schwester Ruth Pfau arbeitet seit Jahren als Lepraärztin in Pakistan. Sie hält die Auseinandersetzungen in Islamabad für ein lokales Problem – kein nationales. In Karachi, der industriellen Hauptstadt des Landes beobachtet Ruth Pfau…
„dass sich hier kein Mensch darum kümmert, dass man sich nur darüber aufregt, dass man diese Kinder dort in Gefahr bringt und dass eigentlich jeder erleichtert wäre, wenn die Regierung durchgreifen würde. Ich habe auch keine persönlichen Rückmeldungen von der christlichen Kommunität hier in Karachi, das irgendjemand beunruhigt ist über die Forderungen einer Gruppe wirklich „Verrückter“. Das hab ich nie gehört.“
Schwester Ruth Pfau ärgert sich, dass nur diese radikalen Koran-Schüler in den westlichen Medien vorkommen. Das Zusammenleben mit den Muslimen empfindet sie als friedlich. Aus diesem Grund war sie über die ersten Meldungen aus Islamabad schockiert:
„Zwischendurch war ich richtig nervös. Ich dachte, da zieht sich ein Unwetter zusammen, wie zu Hitlers Zeit in Deutschland. Aber zum Glück haben sie wirklich jede Grenze überschritten so dass diese Gefahr von innen selber abgestellt worden ist.“
RADIO VATIKAN(rv 04.07.06 sis) Dieses Bild wurde von einem österreichischen Künstler gemalt. In Anlehnung an den Buchtitel heisst das Bild "Mit den Augen der Liebe". Es soll für den Künstler und dem Sponsoren oder der Sponsorin, der/die es ersteigert, im Ruth Pfau Museum in Karachi aufgehängt werden.
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Dr. Ruth Pfau wurde
zur Frau des Jahres
2006 gwählt. |
Glückwunsch zum „Marion Dönhoff Preis“
Die bekannte Ärztin und Ordensfrau Dr. Ruth Pfau wurde mit dem „Marion Dönhoff Preis“ ausgezeichnet. Sie erhielt ihn für ihren über 40-jährigen Einsatz für Kranke und Ausgestoßene in Pakistan. Gemeinsam mit der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW), die ihre Arbeit unterstützt, ist es der inzwischen 76-Jährigen gelungen, die Lepra in Pakistan maßgeblich einzudämmen.
Der renommierte Preis wird von der Wochenzeitung DIE ZEIT gemeinsam mit der Marion Dönhoff Stiftung und der ZEIT-Stiftung vergeben. Die Verleihung fand am 27. November 2005 im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg im Rahmen eines Festaktes statt.
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Bericht aus Kaschmir von Dr. Ruth Pfau - Oktober 2005
12.10.2005
Es sieht so idyllisch aus, wie ein Picknick: Zwei Zelte auf einer grünen Wiese, Kinder überall, Bäume und Herbstblumen.
Aber wenn Du genauer hinsiehst: Da schreit ein 6 Wochen altes Baby. Die Mutter, unter ihrem eingestürzten Dach verschüttet, hatte den Säugling durch ein Loch hinausgereicht und gesagt, "Ich komme hier doch nicht wieder heraus". Sie war an der Hüfte gequetscht und starb nach 20 Minuten (jetzt haben wir das Baby in Rawalpindi, ich glaube, wir bringen es durch; es scheint, als hätte es sich nur den Oberschenkel gebrochen). Und die vielen Kinder haben seit 3 Tagen kein richtiges Essen mehr gesehen und auch wir haben nur noch Kekse und Äpfel. Der Lastwagen, der den Nachschub bringt, wird erst morgen kommen.
Foto: Jörg-Henning Meyer |
Wir teilen, was wir haben: Wasser, Decken, Seife, Kekse, Obst. Und wir hören zu.
Gestern Abend, zur Zeit des Fastenbrechens dachte ich, wie rasch schützende Sozialstrukturen nachgeben. Das ist nicht mein erster Ramazan, den ich in Azad Kashmir verbringe. Das abendliche Fastenbrechen war immer ein Fest. Man saß zusammen und wartete, dass die Stimme des Maulana erklang, dann reichte man Datteln, Wasser, Kleingebäck. Auch heute wartete man noch auf die Stimme des Maulana. Aber dann sitzt man, wo man gerade ist, und nimmt zu sich, was man gerade hat; gestern haben wir nämlich alles verteilt, über Nacht war nichts mehr übrig. Wir hoffen, dass wenigstens heute keiner fasten muss, dass uns der Nachschub bis zur Mittagszeit erreicht.
Die jungen Leute tragen Schutzmasken, irgendjemand muss sie verteilt haben, und sie müssen sie als hilfreich empfunden haben. Der ständige Gestank der verwesenden Kadaver von Menschen und Vieh ist schwer zu ertragen. Die Toten aus den Trümmern zu bergen, darum hat sich bis jetzt noch keiner gekümmert, zumal nach den Lebenden auch erst seit gestern gesucht wird. 300 Kinder sind unter den Trümmern ihrer Schulen allein hier in der Nachbarschaft umgekommen. Wie viel Todesopfer es insgesamt gibt, hat bisher noch niemand zusammengezählt. Die Überlebenden hier begraben, wen sie gerade finden, hinter der Ruine unseres ehemaligen TB-Zentrums.
13.10.2005
Wir kampieren auf dem Gelände unseres Krankenhauses über dem Fluss Neelum. Eine der Quellen am Flussufer ist nicht verschüttet, sodass wir Trinkwasser schöpfen können.
Die halbe Fläche ist schon zum Friedhof geworden. Wir haben keine Erlaubnis dafür, aber wo soll man denn seine Toten begraben?
Das ehemalige Krankenhaus ist ein Trümmerhaufen; ich habe mir nie vorstellen können, dass ein ausgedehntes Gebäude so in toto zusammenstürzen kann. Es sieht aus, als hätte man es zusammengefaltet, halbiert. Für die Patienten war es glücklicherweise noch zu früh, vier waren auf der Veranda und konnten noch heraus. Von den Mitarbei-tern sind vier leicht, zwei schwer verletzt. Unser Team hat sie noch lebend aus den Trümmern bergen können: sie haben die schweren Zementplatten in einem Wahnsinnstempo in Gemeinschaftsarbeit mit einfachen Hämmern bearbeitet, bis ein Loch groß genug war, um die Verletzten herauszuziehen. Eine unserer Mitarbeiterinnen war schon tot. Ein Mitarbeiter war verschollen, tauchte aber gestern wieder auf. Er war entkommen und nicht mehr zum Platz des Grauens zurückgekehrt, weil seine Familie auch kein Dach mehr über dem Kopf hatte. Dann erfuhr er, dass wir gekommen waren, und hat damit wenigstens unsere Sorgen etwas erleichtert.
Röntgenabeilung , Labor, und die gesamten unersetzlichen Patientenkarteien liegen nun unter den Trümmern. Es hat sintflutartig geregnet und es regnet immer noch. Da lässt sich wohl nichts mehr retten. Und Mitarbeiter, die unter den Trümmern ihrer Häuser noch nach ihren überlebenden oder toten Angehörigen suchen, kann man nicht bitten, Patientenkarteien auszugraben.
Unsere beiden Geländewagen sind spurlos verschwunden. Etwa unter den Trümmern? Oder von Familien, die das Transportmittel brauchten, entwendet? Am Morgen des dritten Tages finden wir den einen, den anderen am Nachmittag, und wir schaffen es sogar, dass sie uns wieder ausgeliefert werden. Die Nummernschilder haben sie entfernt, wir werden sie in Rawalpindi nachmachen lassen.
Unter den Steinen ziehen wir noch ein paar Holzsplitter hervor, um uns auf dem Feuer eine Tasse Tee zu kochen. Teeblätter, Zucker, Milchpulver haben wir mit, das Wasser gibt die Quelle. Zur Erleichterung von Familien und Team haben wir jetzt wenigstens morgens und abends eine Tasse heißen Tee. Wir haben einen einzigen Kochtopf mittlerer Größe, woher, das wissen wir nicht mehr, aber wir setzen Kochutensilien auf jeden Fall auf unsere Notstandsliste, wo wir schon Kerzen, Streichhölzer, Taschen-lampen mit Batterien stehen haben. Und Regenschirme! Wir können und können keine Zelte auftreiben, aber unter einem Regenschirm haben in dem Dauerregen wenigstens die Kinder ein wenig Schutz.
Wir haben die Nacht im Jeep geschlafen. Wir, das sind meine kleine Mitschwester Almas, und ich. Die deutsche Botschaft hat uns Schlafsäcke gestiftet, und das deutsche Technische Hilfswerk (THW) hat sie ausgeliefert. Herrlich warm! Nachts meldet sich das Erdbeben wieder, aber nicht ernstlich. Am Morgen ist alles nass, wegen des profusen Morgentaus. Und es ist erst der zweite Tag ohne Regen.
Shabir hatte heute Nacht bei seinen Verwandten geschlafen. Auch sie wohnen auf der Strasse, haben aber einiges von ihren Möbeln retten können. Shabirs Kinder haben wir gestern nach Rawalpindi evakuiert, damit er frei sein kann für Rettungsarbeiten. Er und die Männer der Umgebung haben heute Nacht sechs Einbrecher festgenommen. Einbrecherbanden, die in der zerstörten Stadt plündern, das ist heute eine ernste Gefahr. Nur ein einziger Mann unter ihnen war aus Muzaffarabad, sagt Shabir, der, der den Weg gewiesen hat, er hatte noch 2800 Rupies (40 Euro) in der Tasche. Die anderen sind alle aus Pakistan (also von außerhalb des Sonderdistrikts Kaschmir) und hatten keine einzige Rupie bei sich.
14.10.2005
Die Männer sitzen auf den Trümmersteinen, die sie sich als Sitzgelegenheiten auf die Wiese geholt haben, um Nachrichten auszutauschen.
Die Geschichten sind immer die gleichen: "Wir haben sie nicht zeitig genug unter den Trümmern herausholen können". "Wir haben keine Maschinen, wir können es nur mit unseren Hämmern und Schaufeln versuchen".
Mit unserem Team stehen wir vor den Ruinen des Krankenhauses. Hier lag Inshaullah, wir konnten seine schwache Stimme hören. Wenn wir das abgesackte Dach abtragen könnten, dann kriegen wir ihn noch raus, dachten wir uns, und dann haben wir abwechselnd und alle zusammen gehämmert und gehämmert.... Und dann haben wir auch unsere Hilfsschwester gefunden, aber die war schon tot, und wir konnten sie nur noch begraben. Und ob vielleicht auch noch vier Patienten unter den Trümmern liegen, erfahren wir auch nicht. Auf einmal so viele! So viele werden nie ein richtiges Begräbnis haben.
Unsere Lepra-Assistenten sind bis zu drei Tagen zu Fuß über die Berge unterwegs gewesen, als sie erfuhren, dass wir in Muzaffarabad seien. Den ersten Tag haben wir nur zusammengesessen, verstört, wie versteinert. Auch ich konnte und wollte nichts sagen. Ich wusste auch nicht, wo und wie und ob und wann anfangen. Und womit? Dann kam der erste Lastwagen, aber ohne Zelte. Die große Enttäuschung! Aber wenigstens Decken und Lebensmittel hat er gebracht. Und am dritten Tag fingen die Menschen an, unter den Trümmern zu suchen. Militär, Hilfsorganisationen begannen jetzt mit ihrem Einsatz.
Helikopter einer ausländischen Hilfstruppe besprühen die Stadt aus der Luft mit einem Desinfektikum; man kann den Kadavergeruch nicht mehr ertragen, doch die Toten bergen sie nicht. Das Militär sucht nur nach Überlebenden, es hat dafür die nötigen Maschinen. Gestern haben wir zwei gefunden. Wir, wir fühlen alle das gleiche...
15.10.2005
Nachts im Jeep. Über die deutsche Bundeswehr haben wir Schlafsäcke bekommen, jetzt hoffen wir nur, dass uns keiner überfällt. Und selbst wenn sie es täten! Hier braucht wirklich jeder alles.
Ein Vormittag im Hauptquartier aller Hilfsorganisationen und des deutschen Technischen Hilfswerks. Wir haben ein paar neue Freunde gewonnen; sie sind unbeschreiblich hilfreich. Das tut uns gut.
Dann ins pakistanische Hauptquartier. Es ist nicht möglich, weiter nördlich, nach Athmugam zu kommen. Der Fahrweg im engen Tal des Neelum-Flusses ist total verschüttet. Das Flüchtlingslager am Neelum, nur 3 km außerhalb Muzaffarabads, hat drei Tage darauf werten müssen, ehe die Armee mit einem Helikopter die Verwundeten evakuierte. Die Bilanz: Schätzungsweise 500 Tote (die genauen Zahlen kennt keiner).
Der Hubschrauberlandeplatz liegt voll von Verwundeten. Die Ärzte der Armee kümmern sich um sie.
Wir schaffen es, an den General heranzukommen, der die Hubschraubereinsätze organisiert. Er kennt uns, er hat zwei Jahre lang im Dorf Kundl Shahi, in einer felsigen Enge des Neelum, wo wir eine Ambulanz haben, gedient. Er sagt uns jede Unterstützung zu. Später erfahre ich, dass er der Gesundheitskommissar von Azad Kashmir ist, den ich seit 6 Monaten zu treffen versuche.
Zurück beim Technischen Hilfswerk. Die reizende junge Tierärztin und Hygienikerin, Oberstleutnant Dr. Rossmann, bietet uns eine Vorratsflasche auf der Veranda an, die wir dankbar annehmen. Ihr Team räumt seine Kühltruhe aus: Vollkornbrot..., wir haben die erste warme Mahlzeit seit drei Tagen, braune Bohnen mit Käseeinlage, Obstsalat, Nachtisch (den wir vor dem Hauptgericht essen), sauberes Trinkwasser. Schließlich packen sie uns zwei Kartons mit Wasserflaschen und Esswaren voll.
Nach drei Stunden sind wir zurück. Dazwischen liegt eine traumatische Erfahrung. Der erste Lastwagen mit Lebensmitteln ist angekommen. Wir waren auf so etwas, auf so einen aggressiven Überfall der Menge, nicht vorbereitet, sonst wären wir gleich unter Militärschutz in das THW-Camp gefahren. So konnten wir nichts anderes tun als austeilen, der Menge, dem Mob, der sich - weiß Gott woher - im Handumdrehen angesammelt hatte, teils unbewaffnet, teils aber mit Waffen. Kinder in Lumpen und barfüssig in der Kälte, aber die Patronen für ihre Kalashnikoffs, die hatten sie. Und man kann es ihnen nicht einmal vorwerfen, den Räuberbanden, die sich da zusam-menrotteten und die Verzweiflung derer nutzen, die alles verloren haben.
Es war also gar nicht daran zu denken, irgendetwas für unsere Patienten zu retten. So fingen wir den zweiten LKW vorher ab, fuhren mit ihm direkt zum deutschen Stützpunkt. Von dort kamen die Güter unter Militärschutz zu uns ins Camp. Zwischen-durch organisierten wir, dass die pakistanische Luftwaffe die Sachen mit ihren Hubschraubern in die weiter entfernten Dörfer im Neelumtal mitnimmt. Zurück in Plate stellte es sich heraus, dass keiner unserer Lepra-Assistenten bereit war, die Verteilung zu übernehmen. Wenn nämlich ein Hubschrauber landet, und die kommen ja alle vom Militär, wirft die Besatzung die Hilfsgüter nur auf die Landefläche, und die Menge fällt darüber her. Dann laden sie die Schwerkranken ein und fliegen zurück. Eine geregelte Verteilung zu versuchen, würde uns das Leben kosten. Wir werden also neue Pläne machen.
Die Nacht im Jeep. Meine kleine Mitschwester Almas genießt die Situation! Das macht es mir leichter. Wir haben uns ein wenig eingewöhnt, wie man auf 60 x 180 cm Wohnfläche lebt, arbeitet und schläft, aber dann wimmert das Baby die ganze Nacht im Zelt. Der Regen hat zwar aufgehört, die Sterne stehen am Himmel, aber durch den Bodennebel sind die draußen Schlafenden völlig durchnässt.
Die erste Periode der Erstarrung scheint vorbei. Menschen graben in den Trümmern ihrer Häuser nach ihrem Besitz, bringen ihn auf engen gefährlichen Bergpfaden in unser Klinikgelände; dort, meinen sie, sei er sicher.
Ilyas, unser Mann in Islamabad, hat herausgefunden, dass sich eine Gruppe junger Männer als Hilfstruppe konstituiert hat. Sie nennen sich "Rote Brigade". Wir kennen die meisten von ihnen, und alle kennen uns. Sie haben eine Telefonverbindung nach Pakistan hergestellt, stellen uns Sicherheitskräfte für unsere Lebensmittellager zur Verfügung, und jetzt bauen sie uns eine Toilette. Ob man sich auf diese Jungen mit Kalashnikoffs verlassen kann, müssen wir erst durch unsere Quellen klären. Gestern, am ersten Tag schon haben unsere Leute eine kleine Toilette gebaut, für die Frauen, wirklich phantasievoll. Auf einem Baustein aus der Wand einer Hausruine befindet sich noch ein völlig intakter weißer Klingelknopf. Wir müssen doch schmunzeln. Das Team ist voll beschäftigt, das Camp zu etablieren. Man hört noch kein Lachen, aber man bekommt gelegentlich schon ein Lächeln des Einverständnisses.
Das Erdbeben. Man weiß alles darüber. Es ist auf allen Fernsehschirmen der Welt. Aber was es heißt, was es bedeutet!... Wir, die wir dabei gewesen sind, wir, die wir noch den Atem anhalten, wenn uns die Nachbeben an jene Stunde erinnern, wir reden nicht. Weil wir es nicht ausdrücken können. Mir Zaman lacht kurz. Sein Haus, "das war einmal", sagt er, "aber was soll man darum trauern? Keiner hat mehr ein Haus. Mein Junge hat sich das Bein gebrochen, aber er ist aus den Trümmern der Schule wenigstens lebend herausgekommen. Eine Röntgenaufnahme kann man in Muzaffarabad nicht machen, aber der Doktor vom Heer hat einen Gipsverband angelegt. Die Russen haben hier ein Camp errichtet, vielleicht haben sie ein Röntgengerät dabei, sonst werde ich Schulden machen auf die Gesundheit meines Kindes." Wir können ihn beruhigen. Wenn er es nicht schafft, sind wir da ...
Wenn wir durch die Stadt, dieses Massengrab, müssen, tragen wir Schutzmasken. Wegen dem Verwesungsgeruch. Hier und da hämmern Familienangehörige in den Trümmern, in der Hoffnung, wenigstens die Toten zu finden. Seit gestern ist das Militär endlich mit Kränen hier und hilft uns, die Trümmer zu heben und die Toten zu bergen.
Es ist schwer, sich das vorzustellen, und wir denken auch nicht mehr zurück: Vor drei Wochen sind wir hier gewesen. Dr. Bushra hat uns in das neu gebaute Neelum-Hotel eingeladen, um den Start der Blindheits-Vorsorge zu feiern, mit einem vorzüglichen Essen. Jetzt ist das alles ein Trümmerhaufen. Nach den Toten hat man noch nicht gesucht.
Im Gesundheitsministerium hatten wir einst den Plan zur Blindheits-Vorsorge ausge-arbeitet. Wir sind noch nicht wieder dort gewesen. Wo, bzw. ob die Regierung überhaupt schon wieder tagt, wissen wir nicht. Wenn, dann sowieso nur wegen der Katastrophenhilfe. Und im Lepra- und Tuberkulose-Zentrum hatten wir, damals(!), gemeinsam überlegt, wie wir unsere Pläne veröffentlichen würden, schließlich sind wir schon seit 1971 hier mit der Tuberkulosebekämpfung beschäftigt... Jetzt müssen wir praktisch von vorne anfangen.
Heute gibt es keine Familie, die keine Toten zu beklagen, keine Verwundeten zu versorgen hätte.
Ruth Pfau im Oktober 2005 |
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Ruth Pfau erhält Albert-Schweitzer-Medaille in Gold
Sie ist Ärztin, Nonne und eine Powerfrau. Seit mehr als vier Jahrzehnten kämpft sie in Pakistan gegen die Lepra. Unzählige Menschen hat sie vor Krankheit, Ausgrenzung und Tod gerettet. Am 9. September 2004 wurde sie 75 Jahre alt. Die »Johann Wolfgang von Goethe-Stiftung zu Basel« ehrte die »Mutter der Leprakranken« wenige Tage zuvor, am 5. September, für ihr Lebenswerk mit der Albert-Schweitzer-Medaille in Gold. Pfau erhielt die Auszeichnung in Günsbach im Elsass, wo Albert Schweitzer aufgewachsen ist. Foto: Jörg-Henning Meyer
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